Dritter Tag des zweiwöchigen Fortbildungskurses „Theorie und Praxis der Diakonie“ für die Geistlichen unserer Diözese.
49 Pfarrerinnen und Pfarrer belegen den ersten der drei geplanten (identischen) Pflicht-Kurse für alle Hauptamtlichen.
Heute teilen wir uns in zwei Gruppen auf und sind zu Gast bei zwei stationären Einrichtungen der „Narcotics Anonymous“ (NA) in Arusha.
(Das ist eine Selbsthilfe-Organisation wie die Anonymen Alkoholiker, jedoch für alle erdenklichen Substanz-Abhängigkeiten.)
Unsere Gruppe wird herzlich, aber ohne viel Aufsehen oder Tam-Tam empfangen (wie es sonst in Tansania üblich ist, wenn irgendwo angekündigt ein Haufen Geistlicher auftaucht …).
Wir sitzen im Klassenzimmer zusammen mit einigen der Süchtigen, wie sie sich selbst konsequent nennen, wenn sie sich vorstellen.
Nun hören wir einen hervorragend strukturierten und einprägsamen Vortrag über die Entstehung, den Charakter und die Auswirkungen von Sucht.
Da spricht ein begnadeter Lehrer!
Der 29-Jährige schildert ganz offen, wie er vor wenigen Jahren kurz vor seinem Master der Psychologie stand und erkennen musste, dass er suchtkrank ist: Alkohol, Klebstoff und Benzin schüffeln, Drogen aller Art. Wir können kaum glauben, dass er mal so weit unten war.
Nun steht ein anderer junger Mann auf, selbst Pfarrers-Sohn und -Enkel, und erzählt von seinem erschütternden Weg in die Sucht – und aus ihr heraus.
Diese ehrlichen, authentischen Schilderungen gehen uns allen unter die Haut und an die Nieren.
Wir erfahren, dass ein großer Schmerz dieser Menschen ist, ausgestoßen zu sein, auch von der Kirche.
Der Weg zur Freiheit von Alkohol und Drogen ist ein langer Prozess, den die Betroffenen hier Schritt für Schritt und Tag für Tag einüben.
Einer dieser Schritte ist, offen zuzugeben, dass sie selbst für ihre Sucht Verantwortung tragen.
Wir spüren eine große Einheit, eine ganz schlichte Liebe, Offenheit und Bescheidenheit.
Genau die Eigenschaften, die als “Geistliche Prinzipien” an der Wand stehen: Ehrlichkeit, Aufgeschlossenheit, Verantwortungsbewusstsein, Vergebung, Vertrauen, Demut, Liebe …
Plötzlich steht ein weiterer Mann auf und beginnt, uns sein Leid zu klagen: Er müsse zurück zu seiner Arbeit, sei zu Unrecht hierher gebracht worden. Als einige der Pfarrer etwas irritiert anfangen, irgendetwas „Kluges“ zu ihm zu sagen, schaltet sich der “Lehrer” ein und erklärt ruhig und klar, dass es ihm in den ersten beiden Wochen hier genauso gegangen sei und er immer habe abhauen wollen. Das sei ganz normal. Der Anfang sei hart, aber er solle geduldig sein, er werde es schaffen.
Und ich begreife, was eine Stärke dieser Selbsthilfegruppen ist: Wer selber mal in der Sucht steckte, durchschaut all die Tricks und versteht, was in seinem Gefährten vorgeht. Und kann ihm helfen – viel besser als wir „Unbehelligten“, die wir keine Ahnung haben von diesem Leben und diesem Leiden.
Alles hier geschieht freiwillig. Jeder einzelne ist wichtig. Keiner wird zu irgendetwas gezwungen. Aber alles hat eine genaue Ordnung und klare Regeln.
Das dürfen wir nach dem einfachen gemeinsamen Mittagessen in der Gruppentherapie miterleben:
Es ist ein festes Programm, das die Männer Tag für Tag durchsprechen, durchexerzieren – bis es in Fleisch und Blut übergeht.
So auch der Slogan: Keep coming back! Oder: Just for today …
Hier heute dabei sein zu dürfen ist etwas ganz Besonderes.
Und nun sind wir sicher, dass all die Mühen und großen Widerstände der Vorbereitungen dieses Kurses sich lohnen:
Dieser Tag wird Veränderung bringen im Leben und im Dienst der Anwesenden.
Denn hier wird ihr Herz zutiefst berührt.
Und so kehren diese Kleriker, von denen so manche mit Skepsis und einem gefüllten Köcher an scharf gespitzten Vorurteilen hierher kamen, aufgewühlt an den Seminarort zurück mit der einen brennenden Frage:
„Wie kann es sein, dass wir als Kirche diese wertvollen, begabten und vom Leben geschüttelten Menschen so lange im Stich gelassen haben ???“

Nur für heute werde ich nicht ängstlich sein,
meine Gedanken werden bei meinen neuen Bekannten sein,
bei Leuten, die keine Drogen nehmen und die einen neuen Lebensweg gefunden haben.
Solange ich diesem Weg folge, brauche ich nichts zu fürchten.
(Aus den Texten der Narcotics Anonymous World Services)